Im Mai werden die Delegierten des Deutschen Ärztetages der Spitze der Bundesärztekammer (BÄK) grünes Licht für die Fertigstellung der neuen GOÄ geben – oder Einspruch erheben. Über den eingeschlagenen Weg zur neuen Gebührenordnung wird nach wie vor angeregt in der Ärzteschaft diskutiert. Wie blickt der Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen (PVS) auf das Thema? Der änd sprach mit dem Geschäftsführer des Verbandes, Stefan Tilgner, über das Thema.

Herr Tilgner, eines der Hauptargumente für eine neue GOÄ ist die inzwischen weit verbreitete Nutzung von Analogziffern durch die Ärzte. Gerade für Patienten und Kostenträger werde die Abrechnungso immer intransparenter, lautet der Vorwurf. Wie sehen Sie das Problem – und welche Entwicklung bei der Abrechnung haben die Verrechnungsstellen in den vergangenen Jahren ausmachen können?

Mir gefällt die negative Konnotation nicht ganz. Die Möglichkeit, Leistungenanalog abzurechnen, ist doch zunächst einmal etwas durchaus Gutes, da neueste Verfahren und Leistungen abgerechnet werden können, obwohl diese nicht im eigentlichen Gebührenverzeichnis auftauchen. Nur so wird doch sicher gestellt, dass der medizinische Fortschritt beim Patienten möglichst schnell ankommen kann. Hieran würden auch kürzere Novellierungsintervalle bei der Gebührenordnung kaum etwas ändern. Ich bin also uneingeschränkt für den Erhalt der Möglichkeit der Analogabrechnung.

Ungeachtet dessen stimme ich natürlich zu, dass das heutige Level abgerechneter Analogziffern eher ein Symptom für die Überalterung der heutigen GOÄ ist. Insoweit ist eine Aktualisierung der GOÄ mehr als wünschenswert, auch um Missverständnisse und Auseinandersetzungen bei der leistungsgerechten Abrechnung von Behandlungsfällen zu vermeiden.

Was folgern Sie daraus: Welche Elemente und Neuerungen müsste eine neue Gebührenordnung auf jeden Fall aufweisen?

Es macht Sinn, sich ins Gedächtnis zu rufen, welche ordnungspolitische Aufgabe eine Gebührenordnung für Ärzte hat. Denn wenn diese einen fairen und transparenten Ausgleich zwischen den berechtigten Honorarinteressen der Ärzte und Patienteninteressen herstellen soll, kann sie diese Aufgabe in der derzeitigen Ausgestaltung zunehmend weniger erfüllen. An dieser Stelle haben die Politik und der Verordnungsgeber die Zügel zu lange schleifen lassen und das Thema nicht mit der notwendigen Stringenz verfolgt. Daran ändert auch nichts, dass diese Mammutaufgabe der Novellierung nun zunächst der Ärzteschaft und den Kostenträgern selbst überantwortet wurde.

Wenn in diesem Kontext dann – wie jüngst zu beobachten – völlig neue Abrechnungsgrundlagen, ja sogar die Vereinheitlichung von GOÄ und EBM gefordert werden, muss man ehrlicherweise hinzufügen, dass damit unweigerlich die Abkehr von der Dualität aus PKV und GKV und nichts anderes als eine Bürgerversicherung verbunden wäre. Dabei ist es ja nicht die GOÄ-Systematik an sich, sondern die konsequente Hintanstellung der GOÄ bei der Priorisierung politischer und gesetzgeberischer Aufgaben, die nun zu einem drängenden Problem geführt hat. Die Gebührenordnung selbst hat sich über all die Jahre bewährt. Ich sehe jedenfalls kein nachvollziehbares Argument, an Prinzipien wie Einzelleistungsvergütung und Kostenerstattung zu rütteln.

Sie verfolgen die Debatte über den aktuellen GOÄ-Entwurf der Bundesärztekammer natürlich intensiv. Welche Einblick in das neue Regelwerk konnten Sie schon gewinnen und wie fällt Ihr erstes Urteil aus?

Es heißt, dass ein Großteil der neuen Leistungslegenden bereits gemeinsam mit den Verbänden erarbeitet und den Kostenträgern konsentiert sei. Damit wäre sicher eine erste wichtige Aufgabe erledigt. Eine gewisse Skepsis hege ich allerdings bei der betriebswirtschaftlichen Kalkulation der Leistungen, wenn dies ohne den notwendigen Abgleich mit dem Abrechnungsgeschehen nach der heutigen GOÄ erfolgt. Unklar ist der Zeitplan bis und nach der bevorstehenden Wahl zum Bundestag und es bleibt fraglich, gleichwohl zu hoffen, dass nach dieser Wahl ein Entwurf vorliegt, der Grundlage für die Weiterentwicklung des dualen Systems aus GKV und PKV in Deutschland sein kann.

Steigerungssätze sollen mit der neuen GOÄ offenbar der Vergangenheit angehören. Eine Vielzahl von Erschwerniszuschlägen soll besonderen Behandlungssituationen Rechnung tragen. Eine Veränderung, die in Ihren Augen Sinn macht?

Dies ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner bei der Verhandlung zwischen den Positionen eines Einfachsatzes und der notwendigen Abbildung individueller Behandlungssituationen. Auch dies sehen wir skeptisch, bei allem Verständnis für das Argument, dass heute rund 90 Prozent der abgerechneten Fälle den 2, 3fachen Satz zugrunde legen, der in etwa die Basis des neuen Einfachsatzes bilden soll. Denn natürlich ist der 2, 3fache Satz selbst ja bereits ein vorläufiger Endpunkt von Einschränkungen, wenn man die letzten 30 Jahre der Geschichte der GOÄ betrachtet. Je weniger Steigerungsoptionen, desto mehr Pauschalierung und desto größer die Gefahr der Entkopplung von Kostensteigerungen. Ob diese Gefahr durch die geplanten Erschwerniszuschläge gebannt wird beziehungsweise werden kann, auch im Hinblick auf die notwendigen dynamischen Anpassungserfordernisse, bleibt abzuwarten.

Sie haben in der Vergangenheit mehrfach betont, dass der PVS Verband die Bundesärztekammer mit Datenmaterial unterstützen würde – so diese Hilfe gefragt ist. Auch am Aufbau des neuen GOÄ-Instituts waren Sie maßgeblich beteiligt. Sind da schon PVS-Daten an die Kammer geflossen? Oder setzt die Bundesärztekammer einzig auf das Unternehmen Prime-Network aus der Schweiz?

Wir haben mehrfach betont, dass der PVS Verband beziehungsweise das durch uns initiierte GOÄ-Institut die Bundesärztekammer wie im übrigen auch die Berufsverbände mit Datenanalysen unterstützen würde, so dies gewünscht wird. Die Berufsverbände haben dieses Angebot zum Teil wahrgenommen. Die Bundesärztekammer bislang nicht.

Auf dem kommenden Deutschen Ärztetag wird erneut über den Stand der Dinge in Sachen GOÄ debattiert. Welche Weichen könnten die Delegierten in Freiburg für das Gesamtprojekt Ihrer Meinungnach bestenfalls stellen?

Es erscheint mir wichtig, dass der Ärztetag losgelöst vom Tarifwerk selbst die Grundsätze einer Gebührenordnung eines freien Berufes durch klare Beschlüsse mit Klauen und Zähnen verteidigt. Gerade im Hinblick auf Einheitsgebührenordnungstendenzen muss gelten: Einzelleistung vor Pauschalierung, Erhalt der Analogabrechnung, dynamische Anpassung an den individuellen Behandlungsfall, Kostenerstattung sowie Ablehnung einer Zusammenführung von EBM und GOÄ in ein wie auch immer geartetes Einheitskonstrukt.

26.04.2017, Autor: js, © änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Quelle: www.aend.de/article/177611